Volkslieder sind nahezu unsterblich. In jedem Jahrhundert kommen neue hinzu. Aber man muss sie pflegen. Bekennerhaftes Pathos und bornierte Begeisterung sind die falschen Freunde. Wie eine solche Pflege aussehen kann, zeigen uns seit langem die Skandinavier. Auf ihren Spuren bewegte sich das Konzert der Concordia Wäldenbronn 1855 e.V. am 22. Juli im Gemeindezentrum Hainbachtal in Esslingen. Als Gast geladen war das noch junge Vokalensemble HG aus Hohengehren, das stolz auf die Einladung bei einem Traditionsverein war, der nur 6 Jahre jünger ist als der Schwäbische Chorverband. Es ist jüngster Spross des Liederkranz Hohengehren 1841 e.V., der im vergangenen Jahr seinen 175. Geburtstag feierte. Auf hohem Niveau wird hier der Männerchorgesang gepflegt. Ein Junger Chor singt seit über 15 Jahren Schlager, Pop, Gospel und swingenden Jazz. Und so denkt man weder in Hohengehren noch in Wäldenbronn ans vielzitierte Chorsterben, welches ja immer mit nachlassender und mangelhafter Qualität zu tun hat.

Gemeinsamer Auftritt der Concordia mit dem Vokalensemble HG.

Zurück zum Konzert, in dem Volkslieder aus 5 Jahrhunderten nebeneinander standen und immer wieder spannungsreiche Übergänge schufen. 30 Lieder – die vorletzten drei als fröhliches Quodlibet (Es tönen die Lieder/ Hans isst gern Schweizer Käs‘/ C-A-F-F-E-E) zusammen mit dem stimmfreudigen Publikum gesungen – wie gesagt, die Vielfalt hätte kaum größer sein können.

Geradezu elektrisierend war das Eröffnungslied des Konzerts, das seit seiner Entstehungszeit vor rund 400 Jahren nichts an Lebendigkeit und sommerlicher Freude verloren hat: „Kommt ihr G‘spielen, wir woll‘n uns kühlen“ – Letzteres hätten die Zuhörer sicher gerne getan, von den SängerInnen ganz zu schweigen. Diese genossen stattdessen die angenehme Akustik des Gemeindezentrums Hainbachtal und ein Publikum, das sich immer wieder neu begeistern konnte, z.B. an dem tänzerisch sprühenden Chorsatz „Zum Tanze, da geht ein Mädel“ des großen schwedischen Komponisten Hugo Alfvén, den man normalerweise bei Wettbewerben von Semiprofis hört. Tolle Leistung des Chores und seiner Dirigentin!

Wolfgang Layer, der für das Konzert auch mehrere Chorsätze für die Concordia bearbeitet hatte, gab jedem der acht Volkslieder, die vom Vokalensemble gesungen wurden, eine originelle Idee mit ins Arrangement. So ließ er seine Choristen schon beim Gedanken an die Arbeit des Bauern, der Bäuerin und der Mägde („Im Märzen der Bauer…“) stöhnen und schnaufen oder Tonleitern rauf und runter singen, damit sie nicht gar so unnütz herumstehen. Mit dem „Kuckuck auf dem Baum“, der vom Jäger erschossen wird, knickten die Köpfe der kuckucksrufenden Soprane um und bekamen erst im nächsten Jahr neue Töne heraus, als der Kuckuck wieder da war. Großen Beifall erhielt die Chorsolistin Ute Rast für ihre Interpretationen von „Der Mai ist gekommen“ und „Wem Gott will rechte Gunst erweisen.“ Geschmunzelt werden durfte beim gemeinsamen Auftritt der Concordia mit dem Vokalensembles im vielstrophigen Liebeslied „Bald Gras ich am Neckar“ (siehe Bild).

Aber es gab auch Chorsätze, bei denen man statt Lachen eine Stecknadel hätte fallen hören: „Im schönsten Wiesengrunde“ z.B. oder „In einem kühlen Grunde“ – vor der Pause im Silcherschen Originalsatz von der Concordia gesungen, nach der Pause vom Ensemble in der Bearbeitung von Wolfgang Layer. „Da war´s auf einmal still.“

Das Motto des Konzerts hatte nicht zu viel versprochen. Denn Volkslieder, so interpretiert wie bei diesem Konzert, sind auch morgen nicht von gestern!

Florian Wolf